Von der Morsetaste zum Satellitenfunk –

Fortsetzung 7

 

 
  Die ehemalige Deutsche Reichspost erhielt deshalb Ende 1945 den Auftrag von der britischen Kontrollkommission, ein Funkpeilnetz für die Deutsche Bucht zu installieren und zu betreiben. Das vorhandene Peilnetz der Kriegsmarine ging mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 verloren. Während des Krieges war es aus Sicherheitsgründen ohnehin nicht benutzt worden. Das neu aufzubauende Peilfunknetz "Nordsee" sollte mit der Küstenfunkstelle "Elbe-Weser Radio" verknüpft werden. Die installierten Peilfunkstellen hatten zunächst ihre Standorte auf Norderney, St. Peter Ording und auf der in der Elbmündung liegenden Insel Neuwerk. Am 1. September 1946 wurde der Peilfunkbetrieb aufgenommen. Der Peilbereich reichte nach Norden hin bis 54° 20‘ Nord und nach Osten hin bis 04° 20‘ Ost. Für die navigatorische Auswertung der Peilungen verwendete man zunächst nur normale Seekarten nach Mercator-Projektion. Diese hatte jedoch den entscheidenden Nachteil, daß die Ausbreitungswege der Funkwellen nicht geradlinig eingetragen werden konnten und somit eine Positionsermittlung äußerst schwierig war. Schließlich wurden besondere Peilfunkkarten, sogenannte gnomonische Karten entworfen, auf denen die Peilungen als gerade Linien eingetragen werden konnten. Da der Standort Neuwerk durch einen Brand des Windkraftwerkes im Eiswinter 1946 ausfiel, wählte man als neuen Standort die "Holter Höhe" bei Altenwalde in der Nähe von Cuxhaven. Der Peilstandort Norderney wurde ebenfalls aufgegeben und zur Küstenfunkstelle "Norddeich Radio" verlagert, die dann die Aufgaben der Peilleitstelle übernahm. Die benutze Peilfrequenz war zunächst 375 kHz.
 
 

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Grafische Darstellung der Peilergebnisse
im Seenotfall "Busko Zdroj"

Zeichnung: Brigitte Brinkmann

 
 


Das Peilfunknetz wurde bis etwa 1950 häufig von der Schiffahrt zur Feststellung der eigenen Position angefordert. Danach verbesserte sich jedoch die Navigationsausrüstung an Bord der Handelsschiffe durch Einführung von Radaranlagen und andere funknavigatorische Verfahren (z.B. Consolfunkfeuer, Decca, Loran). Das Peilfunknetz "Nordsee" entwickelte sich zum festen Bestandteil des Seenotdienstes und erlangte bis zu seiner Schließung am 31. Dezember 1995 eine außerordentliche Bedeutung, die durch zahlreiche Seenotrettungsaktionen, an deren Beginn fast immer eine Funkpeilung stand, eindrucksvoll bewiesen wurde.

Bei einem empfangenen Seenotruf wurden über eine Rundsprechanlage sofort alle beteiligten deutschen Peilfunkstellen "Norddeich Gonio", "Elbe-Weser Gonio" und "St.Peter Ording Gonio" und gelegentlich auch englische, dänische und norwegische Peilstellen alarmiert. Ungenaue Positionsangaben, vielleicht ausgelöst durch schnelles Sinken, konnten so noch rechtzeitig erkannt und Rettungsfahrzeuge gezielt auf die Seenotpositionen geleitet werden. Eine der letzten großen Bewährungsproben bestand das Peilfunknetz beim Untergang eines polnischen Schiffes in der Nordsee.

Am Freitag, dem 8.Februar 1985, befand sich der polnische Frachter "Busko Zdroj" mit dem internationalen Rufzeichen SPYX in der nördlichen Nordsee auf dem Weg von Oslo nach dem spanischen Ceuta. Die Nacht vom 8. auf den 9. Februar war mit minus 3 Grad Celsius sehr kalt; die Wassertemperatur betrug lediglich zwei Grad plus. Der kleine, mit nur 1 974 BRT vermessene Stückgutfrachter, arbeitete schwer im Seegang. Der Wind wehte mit Stärke 7 aus ONO.

Um 21.12 Uhr empfing die Küstenfunkstelle "Norddeich Radio" auf der Seenotfrequenz 500 kHz plötzlich die Zeichen eines automatischen Seenotalarmsenders, gefolgt von dem in Morsetelegrafie getasteten Rufzeichen SPYX. Der wachhabende Funker am Seenotplatz der Küstenfunkstelle alarmierte sofort, noch während das Alarmzeichen gesendet wurde, über die Rundsprechanlage die Peilfunkstellen St. Peter Ording und Elbe-Weser. Die Sichtfunkpeiler wurden augenblicklich durch die auf dieser Wache verantwortlichen Peilfunker besetzt. Zusätzlich peilten noch die Küstenfunkstellen "Skagen Radio" in Dänemark und "Farsund Radio" an der Südspitze Norwegens, die ebenfalls das Seenotalarmzeichen empfangen hatten. Die Einzelpeilungen ergaben rechtweisend (rw) folgende Ergebnisse:

  • Elbe Weser Gonio rw 302,6 Grad

  • St. Peter Ording Gonio rw 295,4 Grad

  • Norddeich Gonio rw 335,8 Grad

  • Skagen Gonio rw 226,0 Grad und

  • Farsund Gonio rw 187,0 Grad

Die Peilergebnisse wurden vom Wachleiter in die Funkortungskarte übertragen und aus dem daraus entstandenen Peildreieck die Position des Havaristen auf 55.44 Nord und 06.01 Ost ermittelt. Die Seenotleitung der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger in Bremen wurde über den Empfang eines Alarmzeichens und über das Peilergebnis informiert. Eine Seenotmeldung der "Busko Zdroj" konnte nicht empfangen werden; Versuche, direkten Funkkontakt zur "Busko Zdroj" herzustellen mißlangen. Die Ereignisse an Bord ließen dies wohl nicht mehr zu.

Über die internationalen Seenotfrequenzen 500 kHz, 2182 kHz und UKW Kanal 16 wurde die Schiffahrt über den Empfang des Alarmzeichens und des ermittelten Peilergebnisses unterrichtet und gebeten, scharf Ausschau (keep sharp look out) zu halten und aufgefordert, den allgemeinen Funkverkehr auf diesen Frequenzen einzustellen. Gleichzeitig nahm der Seenotrettungskreuzer "Wilhelm Kaisen", der sich auf Seenotposition vor Helgoland befand, Kurs auf das Suchgebiet. Ein Hubschrauber der SAR-Staffel der Bundesmarine startete ebenfalls mit Kurs auf die durch das Peilfunknetz ermittelte Seenotposition.

Die Küstenfunkstelle "Norddeich Radio" empfing nun laufend Positionsangaben von Schiffen, die die Seenotmeldung empfingen und bestätigten. Mehrere Schiffe, die sich in der Nähe der "Busko Zdroj" befanden, änderten ihren Kurs, um nach dem Schiff Ausschau zu halten.

Am 9. Februar um 03.00 Uhr Ortszeit verbreitet "Norddeich Radio" über die Seenotfrequenzen an alle Schiffe folgende Meldung:

"one survivor found stop 24 still missing, helicopter, lifeboat wilhelm kaisen and ziemia bydgoska/spuu searching in area for 24 restal crew"

Die Suche war vergebens. Um 13.15 Uhr Ortszeit strahlte "Norddeich Radio" die letzte Meldung aus.

"refer busko zdroj/spyx stop position of casualty 54.55 N06.01 E stop 8 bodies and one suvivor picked up stop northing further found distress traffic ended qum +"

Die "Busko Zdroj" war gesunken; der einzige Überlebende, der Funkoffizier des Schiffes, konnte aus der eiskalten Nordsee geborgen werden. Er hat sein Leben sicherlich auch dem Peilfunknetz "Nordsee" zu verdanken, das die Seenotposition schnell und genau bestimmte.

Zu Beginn des Peilfunkbetriebes konnte nur im Mittelwellenbereich (405 kHz bis 535 kHz) gepeilt werden. Nach dem internationalen Schiffssicherheitsvertrag von 1948 war die Pflichtausrüstung von Schiffen von einer Größe von 500 BRT bis 1 599 BRT an mit Funktelefonie auf Grenzwelle vorgeschrieben. Diese Schiffe konnten das Peilnetz aber nicht nutzen. Deshalb war eine Erweiterung auf den Grenzwellenbereich (1605 kHz bis 3800 kHz) dringend erforderlich, die mit einem Neuaufbau der vorhandenen Antennensysteme verbunden war. Das Peilfunknetz "Nordsee" wurde 1952 von Goniometeranlagen auf U-Adcockanlagen für den Mittelwellenbereich und 1953 für den Grenzwellenbereich umgestellt. In den 70er und zu Beginn der 80er Jahre mußten täglich die Verklappungsschiffe "Kronos" und "Titan" auf der Frequenz 1665 kHz gepeilt werden, die von Nordenham auslaufend ein bestimmtes Seegebiet nordöstlich von Helgoland ansteuerten, um dort ihre aus Dünnsäure bestehende Ladung außenbords zu pumpen (verklappen). "Norddeich Radio" kontrollierte mit Hilfe des Peilfunknetzes die Position der Schiffe und meldete sie den zuständigen Behörden weiter.

 
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